Von Rameau, Rousseau und Gotthardfantasien
Boris Previšić beim FAN-Gönnerclub
Kaum je war ein FAN-Gönneranlass aktueller: Am 2. Juni 2016, am Tag nach der feierlichen Eröffnung des Gotthard-Basistunnels, referierte Boris Previšić über das Thema eines von ihm herausgegebenen, vielbeachteten Buches: „Gotthardfantasien. Eine Blütenlese aus Wissenschaft und Literatur.“
Previšić, SNF-Förderprofessor für Literatur- und Kulturwissenschaften an der Universität Luzern, befasste sich stets mit Beziehungen zwischen Sprache und Musik. Seine Dissertation zu „Hölderlins Rhythmus“ entstand zwischen 2003 und 2005 mit finanzieller Unterstützung des FAN. Heute leitet er das Nationalfondsprojekt «‹Stimmung› und ‹Polyphonie›. Musikalische Paradigmen in Literatur und Kultur. Musik ist für Previšić aber nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, ist er doch Inhaber des Konzertdiploms für Querflöte.
So anschaulich der zweite, den Gotthardfantasien gewidmete Teil, so abstrakt und
anspruchsvoll war der erste: „Die Stimmung der Aufklärung“. Wir erfuhren, dass es um das Jahr 1700 einen Boom von Musiktraktaten über Stimmung gab, und dass Grössen der Musik einerseits, der Literatur und Philosophie anderseits, wie Jean-Philippe Rameau und Jean-Jacques Rousseau, über Stimmung und Tempierung stritten. Previšić zeichnete die Entwicklung des Denkens und des Musizierens in der Aufklärung, die Kontroversen über Terzen und Quinten nach. Dem Laienmusikanten mochte einfallen, dass Johann Sebastian Bachs Präludien-und Fugensammlung „Das wohltemperierte Klavier“ an die damalige Bedeutung des Temperierungsthemas erinnert.
„Der Mythos vom Massiv als Zentrum und Identität der Schweiz wird im langen 19.
Jahrhundert der Nationenbildung populär gemacht“, stellte Previšić fest (vgl. Interview:
https://www.unilu.ch/forschung/aktivitaeten/fokus-forschung/gotthard-entfacht-fantasien/). Später hätten Autorinnen und Autoren „nach 1945 mit ihren literarischen Werken auf imaginativer Ebene immer wieder Gegenkonstruktionen zum vorherrschenden Gotthard-Mythos erarbeitet“. Previšić zitierte aus seinem Buch den Tessiner Schriftsteller Matteo Terzaghi (geboren 1970), der den Gotthard die Lebensader eines kriegsversehrten Kontinents nennt. In den Gotthardfantasien streben nicht alle Menschen über oder durch den Gotthard nach dem Süden. Previšić weist auf Autoren hin, deren Figuren beim Berg oder in ihm verweilen wollen. In einer der Fantasien verirrt sich ein Zug im Berg. Der in Jugoslawien geborenen Akkordeonist Vladimir Blagojevic, ein pre-art-Solist, trug zu beiden Teilen des Vortragsabends stimmungsvolle musikalische Illustrationen bei (pre-art ist
ein von Boris Previšić und Matthias Art-er gebildetes Ensemble).
Ulrich E. Gut.

